Wirtschaft

Baustoffhandel unter Beschuss: Ist Deutschlands Preissystem am Bau noch fair?

Handwerker schlagen Alarm – „Preise wirken oft undurchsichtig“

Deutschlands Bauwirtschaft kämpft seit Jahren mit steigenden Materialkosten, Lieferengpässen und einer schwachen Auftragslage. Doch neben den weltweiten Preisentwicklungen wächst in Teilen des Handwerks ein weiterer Kritikpunkt: die Preisgestaltung vieler Baustoffhändler.

Immer mehr Handwerksunternehmen berichten, dass Einkaufspreise für identische Produkte je nach Kunde, Umsatz oder Rabattgruppe erheblich voneinander abweichen können. Für viele Betriebe entsteht dadurch der Eindruck, dass nachvollziehbare und transparente Preisstrukturen fehlen.

Keine Preisschilder – der Preis wird erst an der Theke sichtbar

Wer einen klassischen Baustoffgroßhandel betritt, stellt häufig fest: Regale sind sauber sortiert, Produkte professionell präsentiert – doch Preisangaben sucht man oftmals vergeblich.

Statt den Preis direkt am Regal vergleichen zu können, müssen Kunden diesen häufig beim Verkaufsberater erfragen. Kritiker sehen darin ein System, das Preisvergleiche erschwert und spontane Markttransparenz verhindert.

Während im Einzelhandel nahezu jedes Produkt ausgezeichnet ist, gelten im Baustoffgroßhandel oftmals individuelle Preislisten für verschiedene Kundengruppen.

Rabattgruppen statt einheitlicher Marktpreise

Im Baustoffhandel arbeiten viele Unternehmen mit sogenannten Preis- oder Rabattgruppen.

Diese Systeme orientieren sich unter anderem an:

  • Jahresumsatz des Kunden,
  • Einkaufsvolumen,
  • Produktgruppen,
  • individuellen Vertragsvereinbarungen,
  • regionalen Marktbedingungen.

Grundsätzlich ist ein solches B2B-System rechtlich zulässig und auch in anderen Branchen üblich.

Dennoch kritisieren zahlreiche Handwerksbetriebe, dass die tatsächlichen Unterschiede teilweise kaum nachvollziehbar seien und identische Produkte für verschiedene Kunden deutlich unterschiedlich angeboten würden.

Wenn dieselbe OSB-Platte plötzlich deutlich mehr kostet

Aus Sicht vieler Handwerksunternehmen entstehen dadurch erhebliche Wettbewerbsnachteile.

Ein häufig genanntes Praxisbeispiel:

Ein Betrieb mit einem jährlichen Einkaufsvolumen von rund 150.000 Euro erhält eine 20-mm-OSB-Platte beispielsweise für 6,50 Euro pro Quadratmeter.

Ein anderer Betrieb mit einem Jahresumsatz von 85.000 Euro zahlt für dasselbe Produkt möglicherweise 8,20 Euro.

Obwohl beide Unternehmen regelmäßig einkaufen, entstehen erhebliche Preisunterschiede.

Solche Beispiele werden von Handwerksbetrieben immer wieder als Beleg dafür angeführt, dass Preisgestaltung häufig nur schwer nachvollziehbar ist.

Verdeckte Testkäufe sorgen für Diskussionen

Aus verschiedenen Handwerkskreisen wird berichtet, dass verdeckte Testkäufe ergeben hätten, dass Privatkunden teilweise ähnliche Konditionen wie kleinere Gewerbekunden erhalten.

Solche Erfahrungen lassen Zweifel an der häufig geäußerten Aussage aufkommen, Gewerbekunden würden grundsätzlich wesentlich bessere Einkaufspreise erhalten.

Eine allgemeingültige Aussage lässt sich daraus allerdings nicht ableiten, da Preise je nach Händler, Region, Produkt und Vertragsmodell unterschiedlich ausfallen können.

Verbände warnen vor enormem Kostendruck

Unstrittig ist jedoch, dass Materialpreise den gesamten Bausektor weiterhin massiv belasten.

Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) sowie der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie fordern deshalb seit Monaten mehr Planungssicherheit und Preisgleitklauseln, um extreme Materialpreisschwankungen besser abfedern zu können. (BAUVERBÄNDE.NRW)

Auch der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks berichtet, dass Materialpreise, Lieferengpässe und unsichere Preisentwicklungen weiterhin zu den größten Belastungen vieler Betriebe zählen. (Dachdecker)

Transparenz statt Preisrätsel

Während sich die Materialpreise weltweit aufgrund von Energie-, Rohstoff- und Logistikkosten verändert haben, kritisieren viele Handwerker weniger die Höhe der Preise als vielmehr deren mangelnde Nachvollziehbarkeit.

Gefordert werden unter anderem:

  • transparente Netto- und Bruttopreise direkt am Regal,
  • nachvollziehbare Rabattmodelle,
  • digitale Preislisten für registrierte Kunden,
  • einheitlichere Preisstrukturen,
  • bessere Vergleichsmöglichkeiten zwischen Großhändlern.

Viele Betriebe argumentieren, dass nur so echter Wettbewerb entstehen könne.

Handwerker zwischen Großhandel und Onlinehandel

Immer mehr Unternehmen vergleichen heute Preise über Online-Plattformen oder beziehen einzelne Produkte direkt bei Herstellern oder aus dem Ausland.

Auch in Fachforen wird regelmäßig über hohe Listenpreise, komplexe Rabattmodelle und erhebliche Preisunterschiede diskutiert. Gleichzeitig weisen andere Händler darauf hin, dass Lagerhaltung, Beratung, kurzfristige Verfügbarkeit und Logistik erhebliche Kosten verursachen und deshalb direkte Preisvergleiche mit Onlineanbietern nicht immer möglich seien. (Reddit)

Kommentar

Der Baustoffhandel erfüllt eine wichtige Funktion für die deutsche Bauwirtschaft. Gleichzeitig lebt jeder funktionierende Markt von Transparenz und nachvollziehbaren Preisen.

Wenn Handwerksbetriebe den Eindruck gewinnen, identische Produkte würden je nach Kunde stark unterschiedlich kalkuliert und Preise seien ohne Nachfrage kaum erkennbar, leidet das Vertrauen in den Markt.

Mehr Preistransparenz, nachvollziehbare Rabattstrukturen und ein offener Wettbewerb könnten dazu beitragen, das Verhältnis zwischen Baustoffhandel und Handwerk nachhaltig zu stärken. Denn am Ende profitieren nicht nur die Unternehmen, sondern auch private Bauherren von einem fairen und transparenten Markt.

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